vor ein paar Wochen saßen wir im Team zusammen und haben darüber diskutiert, was die Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte eigentlich für uns bedeutet. Unser erster Impuls am Tisch war: Wir gehen als Best-Practice-Beispiel voran und legen jede KI-Nutzung offen.
Ziemlich schnell kamen uns aber ganz andere Fragen. Was heißt Best Practice in diesem Fall eigentlich? Bedeutet es, die Verordnung genau zu erfüllen oder maximale Transparenz? Und vor allem: Was macht das mit unseren Inhalten?
In Bezug auf die Neuerungen bei Claude schäumen vor allem US-amerikanische Kreative vor Wut und werten den Schritt als direkten Angriff auf ihre Arbeit. Viele klagen lautstark, man nehme ihnen durch diese Markierungen „ihre“ Texte weg. Denn Claude ist nach ChatGPT und Gemini das beliebteste Sprachmodell für Texte. Fast jeder nutzt heutzutage KI, zumindest bei der Textproduktion, selbst wenn es nur zur Überarbeitung dient.
Und ja, auch in solchen Fällen wäre ohne weiteres Redigieren vermutlich ein Wasserzeichen enthalten.
Die Ironie an dieser Stelle: Ausgerechnet die Tech-Konzerne, die jetzt fleißig Wasserzeichen verteilen, haben ihre Modelle mit riesigen Textmengen aus dem Netz trainiert. Die wenigsten Anbieter gehen transparent damit um, wessen geistiges Eigentum sie da eigentlich verwendet haben. Jetzt markieren sie das Resultat als maschinellen Output, während die Nutzer:innen plötzlich um ihre eigene Urheberschaft bangen – dabei ist das bei KI-generierten Inhalten ohnehin problematisch.
Dass die Tech-Konzerne damit in erster Linie auf die Transparenzvorgaben der europäischen KI-Verordnung reagieren, verstehen viele Nicht-EU-Bürger:innen schlichtweg nicht. Die Aufregung offenbart ein grundlegendes Missverständnis darüber, wie synthetische Inhalte funktionieren.
Wem gehört das geistige Eigentum?
Im Kern dreht sich diese globale Diskussion um eine Frage: Wem gehört intellektuelles Eigentum? Wer einen ausgeklügelten Prompt tippt, fühlt sich schnell als alleiniger Schöpfer des Resultats. Ein Wasserzeichen oder ein verpflichtender KI-Hinweis durchbrechen diese Illusion. Es erinnert daran, dass wir uns auf gemietetem Grund bewegen.
Ganz anders sieht es aber aus, wenn wir KI als digitalen Sparringspartner oder zum Redigieren eigener Entwürfe nutzen. Dann liegt die echte Denkleistung völlig zu Recht beim Menschen. Ein unumgängliches Wasserzeichen oder ein generischer Disclaimer wischen diese entscheidende Nuance weg. Genau deshalb fühlen sich viele Medienschaffende der Technologie ausgeliefert, selbst wenn sie eigentlich die volle Kontrolle über ihren Text hatten. Und einen solchen Zwischenweg gibt es mit den derzeitigen Wasserzeichen eben nicht. Nur ganz oder gar nicht, Kennzeichnung an oder aus. Aber wie genau Künstliche Intelligenz zum Einsatz gekommen ist, wird nicht offengelegt.
Dieses Gefühl der Machtlosigkeit zieht sich bis in die lokale Medienbranche. Wer aus gutem Willen transparent kennzeichnet, wo die Maschine geholfen hat, riskiert oft einen bitteren Nebeneffekt. Das Publikum sieht den Hinweis und entwertet möglicherweise unbewusst die gesamte Arbeit.
Bekanntlich trifft man aus der Angst heraus meist die schlechtesten Entscheidungen. Und auch als Medienhaus sollte man eines definitiv nicht tun: Sich wegducken. KI-generierte Texte massenhaft und mit lückenhafter Kennzeichnung zu veröffentlichen und auf Kritik aus der Branche mit Schweigen zu reagieren, dürfte eine dieser Entscheidungen sein. Der Schaden am Vertrauen wiegt schwerer, als es ein ehrliches Statement je hätte tun können.
Die echte menschliche Denkleistung verschwindet dann nämlich erst recht hinter dem pauschalen Stempel der Automatisierung. Das war exakt der Punkt unserer internen Diskussion: Wie bleiben wir transparent, ohne unsere eigene Arbeit abzuwerten?
So bleiben Medienschaffende selbstwirksam
Vielleicht liegt die Antwort darin, das Narrativ ein wenig zu drehen.
Die wirksamste Strategie gegen den gefühlten Kontrollverlust und die Angst vor dem KI-Stempel ist die eigene Sichtbarkeit. Wir müssen Perspektiven, journalistische Einordnung und echte Expert:innen aus unseren Häusern in den Vordergrund rücken. Ein Artikel mit tiefem Fachwissen, umfassender Recherche und vor allem einer klaren menschlichen Stimme verliert seinen Wert nicht durch einen Transparenzhinweis. Souverän zu sein bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen und selbstbewusst zu kommunizieren: Das Werkzeug hat beim Gerüst geholfen, aber der intellektuelle Kerngehalt gehört ganz allein uns.
Ein Schritt kann zum Beispiel eine Selbsterklärung sein, die den eigenen KI-Einsatz intern regelt und, beispielsweise auf der Website, auch nach außen hin transparent erklärt. Vielleicht setzt du mit deinem Medienhaus aber auch direkt ein starkes öffentliches Zeichen in der Presse. Genauso kann es eine neue Routine in der Redaktionskonferenz bedeuten, in der du bewusst definierst, wie die menschliche Perspektive Inhalte unersetzbar macht.
Nimm diese Frage doch mal mit in die nächsten Tage: Mit welchem konkreten Schritt kannst du aufhören, dich für den KI-Einsatz zu rechtfertigen und stattdessen anfangen, deine eigene Arbeit selbstbewusst zu rahmen?
Natürlich stimmt es: Der Griff zum kleineren und im besten Fall lokalen Open-Source-Modell schont Ressourcen und mindert den ökologischen Fußabdruck.
Gleichzeitig kennen wir die Realität in den Häusern und in dieser verliert das Klima fast immer gegen Bequemlichkeit. Wenn die Deadline drängt, führt der Weg des geringsten Widerstands dann doch wieder in den offenen Browser-Tab mit dem stärksten Modell, für das der Verlag ohnehin die Lizenz bezahlt. Solange ressourcenschonende Modelle nicht direkt in unsere Redaktionssysteme integriert sind, bleibt der bewusste Verzicht eine Nischenentscheidung für Tech-affine Kolleg:innen.
Klimafreundlichere KI setzt sich in der Praxis nur durch, wenn IT und Entscheider:innen dafür sorgen, dass die nachhaltigen Tools ganz automatisch die bequemste Option sind.
Bis bald in der Grauzone KI
Giulia Neumeyer
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Redaktionelle Mitarbeit: Jim Sengl, Felix Rieger
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